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Schweizer Spielestudios im Porträt : Stelex Software

Die Schweizer Games-Industrie ist in Bewegung: Studios werden gegründet, frische Talente strömen in die Branche. In unserer neuen Serie stellen wir die spannendsten Spielestudios vor. Heute: Stelex Software, die gerade an «Monorail Stories» arbeiten.

January 1, 1970 . Lesedauer: 5 Min.

Wenn Stefano Maccarinelli aus dem Fenster seines Arbeitszimmers schaut, dann schweift sein Blick über das Valle Maggia. Zwischen den Berghängen fliesst der gleichnamige Fluss in Schlangenlinien Richtung Locarno, wo er nach etwa 15 Kilometern in den Laggo Maggiore mündet. Vielleicht hat dieser Blick auf das Maggia-Teil auch ein bisschen das Computerspiel beeinflusst, an dem Stelex Software gerade arbeiten. «Monorail Stories», so der Titel, soll im Herbst diesen Jahres auf der Download-Plattform Steam erscheinen. Es erzählt von Menschen, die per Einschienenbahn zwischen zwei Bergen pendeln – mitten im Nirgendwo und irgendwie losgelöst von unserer Realität. Die beiden Hauptfiguren, Sylvie und Ahmal, pendeln zu unterschiedlichen Zeiten und in entgegengesetzte Richtung – und sind doch indirekt miteinander verbunden. «Sie wissen nicht, dass sie eine gemeinsame Geschichte haben», sagt Stefano Maccarinelli. Und diese Geschichte ändert sich mit jeder Entscheidung, die man als Spielerin respektive Spieler trifft.

Geschichten von Menschlichkeit und Freundschaft

«Monorail Stories» soll das Aussergewöhnliche im Alltag zeigen, zum Nachdenken über das Leben anregen. Das Spiel werde «verschiedene Geschichten von Menschlichkeit, Freundschaft und miteinander verflochtenen Schicksalen» erzählen, die im täglichen Pendelverkehr entstehen, sagt Stefano Maccarinelli. Für Stelex Software aus dem Kanton Tessin ist «Monorail Stories» das bisher wichtigste Projekt der Firmengeschichte – dabei gibt es das Spielestudio schon eine ganze Weile. Bereits 2004 begannen Stefano und sein Kumpel Alex Quanchi mit der Entwicklung erster Games. Der Name «Stelex» setzt sich aus den Vornamen der beiden Gründer zusammen. Die ersten, noch nicht mit professionellem Anspruch entwickelten Titel waren das Point-and-Click-Adventure «I Misteri di Maggia» und das Smartphone-Spiel «Dice Hockey», eine originelle Mischung aus Eishockey und Schach. «Wir wollten einfach Spass haben, lernen, experimentieren – und waren zufrieden, wenn wir die geringen Kosten damit decken konnten», erzählt Stefano.

Stefano Maccarinelli und seine Frau Tania machten aus Stelex Software ein Unternehmen mit professionellem Anspruch.

Im Jahr 2012 änderte sich für Stelex Software einiges. Stefano und seine Frau Tania übernahmen das Studio komplett und machten daraus ein Unternehmen mit professionellem Anspruch. Stefano verantwortet Programmierung und Projektleitung, Tania kümmert sich um alles, was mit Grafik zu tun hat. Je nach Projekt holen sich die Maccarinellis dann noch externe Hilfe von Freelancern hinzu. 2018 veröffentlichten sie mit «Eselmir and the Five Magical Gifts» ein weiteres Point-and-Click-Adventure, inspiriert von den Werken des Schweizer Fantasy-Autors Sebastiano B. Brocchi. 2021 gewann Stelex Software den Publikumspreis bei den renommierten Swiss Game Awards.

Träumerische Atmosphäre

Nun also «Monorail Stories»: Ein Spiel, das sich nicht nur durch verflochtene Geschichten und genau beobachtete Charakteren, sondern auch durch eine ganz besondere Stimmung auszeichnet. «Wir wollten eine Welt zeigen, die der unsrigen ähnelt, die aber auch weit weg und anders ist. Die in Raum und Zeit schwebt – und dadurch die fast traumartige Perspektive der Geschichte unterstützt, ohne sie jedoch zu überwältigen», sagt Stefano Maccarinelli.

Der Grafikstil von «Monorail Stories» ist bewusst retro und in Pixel Art gehalten: Solarpunk mischt sich mit Pseudo-Realismus und Science-Fiction. Die Grafik des Spiels stammt vom Mailänder Künstler Marco Dotti, mit dem Stelex bei diesem Projekt zusammenarbeitet. Für Dotti ist «Monorail Stories» die allererste Erfahrung mit Pixel Art – umso bemerkenswerter ist das, was es jetzt schon vom Spiel zu sehen gibt. «Um der minimalistischen Ausrichtung gerecht zu werden, haben wir alles Überflüssige entfernt, um das Wesentliche zu betonen», erläutert Stefano Maccarinelli. Dies sei aber deutlich schwieriger gewesen als ursprünglich erwartet, so der Studiogründer.

Innovatives Twitch-Format

Auch spielerisch will Stelex Software mit «Monorail Stories» für frischen Wind sorgen. Keine geringe Herausforderung, gelten doch Point-and-Click-Adventures als vergleichsweise statisches Genre. Um mehr Dynamik zu erzeugen, wartet «Monorail Stories» mit drei verschiedenen Spielmodi auf: Erstens dem Solo-Story-Modus mit seinen verzweigten Handlungssträngen und Enden. Zweitens einem Multiplayer-Modus, bei dem zwei SpielerInnen abwechselnd die beiden Hauptfiguren steuern. Der dritte Modus ist ebenfalls ein Multiplayer-Modus, der allerdings auf der Streaming-Plattform Twitch stattfindet: Hier steuert der Streamer eine der beiden Hauptfiguren, während jemand aus dem Publikum die andere Hauptfigur übernimmt. «Das Ergebnis ist ein dynamisches Spiel, bei dem Streamer live mit ihren Followern spielen können», freut sich Maccarinelli.

Burglegende in Virtual Reality

Neben der Arbeit an eigenen Projekten übernimmt das Studio auch Auftragsarbeiten. Bestes Beispiel: das VR-Projekt «Castello Visconteo». Stelex Software hat die Burg, die am Ufer des Laggo Maggiore steht, im Auftrag der Stadt Locarno digital nachgebildet. Das war eine Herausforderung, weil von der einst weitläufigen Anlage heute nur noch ein rekonstruierter Teil steht. Die Kulturbehörde und der Archivar von Locarno versorgten Stelex mit einer Menge historischer Abbildungen aus dem 16. Jahrhundert, die als Vorlage für das Modell dienten.

 

Stelex gliederte «Castello Visconteo» in drei Teile: Eine Info-Tour mit VR-Headset, eine frei erkundbare 3D-Welt – und auch eine Visual Novel. «Unser Studio konzentriert sich auf narrative Games, deshalb wollten wir unbedingt eine alte Legende der Burg in den Mittelpunkt stellen», erzählt Maccarinelli. Die Visual Novel dockt an Heinrich von Kleists Erzählung «Das Bettelweib von Locarno» an. «Wir haben gewissermassen eine spielbare Fortsetzung davon erschaffen», sagt der Stelex-Gründer. Wer «Castello Visconteo» ausprobieren will, kann das übrigens im Museum der Burg tun.

Keine Angst vor dem Scheitern

Projekte wie «Monorail Stories» oder «Castello Visconteo» machen viel Spass, sind aber auch sehr arbeitsintensiv. «Projekte beginnt man mit Leidenschaft, aber letztendlich benötigt man Disziplin, um sie zu Ende zu bringen und zum Erfolg zu führen», sagt Stefano Maccarinelli. Der Stelex-Gründer liebt es, Technik und Kunst in einem Projekt auf kreative Weise zusammenzuführen. Für angehende Spiele-EntwicklerInnen, von denen es in der Schweiz immer mehr gibt, hat Maccarinelli denn auch einen guten Rat: «Fangt klein an, habt keine Angst davor, etwas auszuprobieren und vor allem: Habt keine Angst vor dem Scheitern.»