"Fast das ganze Einwegplastik ist weg"

Wie schafft man es, die kleinste und umweltfreundlichste TV-Box zu kreieren, die an den "Video Tech Innovation Awards 2020" in der Kategorie "Sustainability" gewonnen hat? Am besten weiss dies Produktentwickler Eric Meijer, der eine der Hauptrollen spielte bei der Entwicklung der neuen Sunrise IPTV-Box. 

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Eric Meijer, was war Ihnen bei der Entwicklung der neuen Sunrise IPTV-Box wichtig?

Ein wichtiger Aspekt ist die Benutzerfreundlichkeit: Die TV-Box sollte einfach zu nutzen und installieren sein. Im Weiteren haben wir uns überlegt, wie wir sie nachhaltiger bauen können. Ein zentraler Aspekt war die Reduktion des Stromverbrauchs, ohne dabei Kompromisse bei der Leistung und den Funktionalitäten einzugehen. Das ist uns gelungen! 75% weniger Strom verbraucht die neue Box. Wir haben sie zudem verkleinert und konnten dadurch auch den Materialverbrauch massgeblich reduzieren. Ausserdem war uns wichtig, recyceltes Ausgangsmaterial zu verwenden: Derzeit besteht das Gehäuse der Box zu 85% aus wiederverwertetem Plastik. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Reduktion der Komponenten. Es gibt nur zwei Anschlüsse, einen für den Videoausgang zum Fernseher und den anderen für die Stromversorgung. Damit verringern wir wiederum die Menge der benötigten Materialien und tragen gleichzeitig etwas zur Benutzerfreundlichkeit bei. Auch die Fernbedienung haben wir angeschaut: Funktionen, welche die Kunden nicht nutzten, haben wir entfernt, wodurch wir die Fernbedienung verkleinern und die Anzahl der benötigten Batterien von vier auf zwei reduzieren konnten. Ein weiterer Knackpunkt: Die üblichen HDMI-Kabel sind sehr dick und benötigen daher auch reichlich Material. Also habe ich mich mit dünneren HDMI-Kabeln beschäftigt und bald herausgefunden: Es ist ohne Einbusse bei der Qualität möglich, solche zu verwenden. Das letzte Thema war die Verpackung. Da die TV-Box und die Fernbedienung kleiner sind, brauchen sie weniger Verpackungsmaterial. In unserem Fall kommt die Verpackung sogar ganz ohne Plastik aus. 

 

Eric Meijer

Was waren die grössten Herausforderungen?

Wir mussten mit einigen Anbietern neu verhandeln, da nachhaltige Materialien teurer sind. Bei einigen Bestandteilen haben wir Kompromisse gemacht und mehr bezahlt. Unsere Lieferanten waren jedoch sehr kooperativ und haben erkannt, dass sich die Bemühungen lohnen. Eine Reduktion des Stromverbrauchs um 75% im Vergleich zur vorherigen Generation ist ein ziemlich ehrgeiziges Ziel. Hinzu kommt: Wir wollten in der Lage sein, die Box über ein Fernsehgerät zu betreiben und dafür muss man deutlich unter 5 Watt bleiben. Zugleich musste die TV-Box weiterhin ein Ultra High Definition- Bild anbieten können. Das ist eine Herausforderung bei diesem geringen Stromverbrauch. Am Ende stellte sich heraus, dass wir einen speziellen Chipsatz benötigten, den wir dann eigens nach unseren Bedürfnissen anpassten. Eine weitere Herausforderung war: TV-Boxen erzeugen Wärme, weshalb ein Kühlsystem nötig ist. Durch die geringe Grösse der TV-Box war es jedoch nicht möglich, eine Lüftung einzubauen oder Lüftungslöcher zu machen. Die Lösung: Die Wärme wird durch den Kunststoff selbst abgestrahlt, was speziell ist, da Kunststoff eigentlich keine Wärme leitet. Wir haben also mit unserem Lieferanten ein einzigartiges Design mit Aluminium-Wärmeableitern im Gerät entwickelt – das ist etwas völlig Neues.

 

Wie viele Leute waren an diesem Projekt beteiligt?

Hunderte – die genaue Zahl kenne ich nicht. Das liegt daran, dass viele an der Einführung und Entwicklung beteiligten Personen entweder Auftragnehmer sind oder sie mit Anbietern zusammenarbeiten. Ein Beispiel: Die TV-Box wurde von uns entworfen, und wir arbeiteten mit einer externen Design-Agentur zusammen, die das ästhetische und das industrielle Design entwickelte.

Intern haben wir viele Techniker – die dachten beispielsweise darüber nach, welcher Chipsatz und welche Komponenten es braucht. Dann kommen die Anbieter ins Spiel. Die Elektronik wurde in Grossbritannien entwickelt, das Gerät selbst in China hergestellt und die Tests in Indien durchgeführt. Die Software haben wir zu einem grossen Teil bei uns in Amsterdam und in Belgien entwickelt und getestet. Es handelt sich um eine Investition von mehreren Millionen Dollar.

 

Wie sind Sie an die Aufgabe herangegangen, eine umweltfreundliche Box zu bauen?

Es begann alles mit einer Excel-Datei und am Schluss kommt alles zusammen, all diese Entwicklungen, all diese Tests und all diese Software-Zertifizierungen. Das Produkt muss die EU-Verpflichtungen in Bezug auf die Sicherheit erfüllen und zertifiziert werden. Die elektromagnetische Strahlung, den Stromverbrauch, all diese Aspekte müssen nachgewiesen werden. Wichtig ist zu erwähnen, dass wir keine Kompromisse machen, wenn es um Qualität geht. Diese TV-Box wird millionenfach verkauft, was bedeutet: Nur schon bei einem kleinen Problem leiden Millionen Kunden darunter.

 

Gibt es bereits Pläne, weitere Anpassungen vorzunehmen um die Box noch "grüner" zu machen?

Fast das gesamte Einwegplastik ist weg, das ist super. Es gibt aber noch einige Punkte, an denen wir arbeiten. Die Boxen bestehen jetzt aus 85% recyceltem Plastik, beim Netzteil sind wir hingegen noch nicht soweit. Das liegt an den Sicherheitsvorschriften: Recyceltes Plastik ist weniger stark als neues. Aus Sicherheitsgründen können wir kein recyceltes Plastik verwenden, denn es könnte schneller brechen. Da dann Hochspannungsteile freigelegt würden, wäre es ein Sicherheitsrisiko. Wir haben demnach vorerst akzeptiert, das Netzteil zu 100% aus neuem Kunststoff zu bauen, aber wir möchten, dass unsere Lieferanten weitere Untersuchungen anstellen und uns einen Vorschlag unterbreiten, wie wir recycelten Kunststoff verwenden können. Die Fernbedienung weist einige ästhetische Merkmale auf, die es sehr schwierig machen, recycelte Kunststoffe zu verwenden. Transparenz für die Infrarot-LED ist schwierig mit recyceltem Kunststoff herzustellen. Auch daran arbeiten wir noch.

 

Wie können wir uns den Lebenszyklus einer solchen TV-Box vorstellen?

Die TV-Boxen sind Teil einer Dienstleistung. Sie bleiben unser Eigentum und falls Sie sich entscheiden, entweder einen anderen Dienst von uns in Anspruch zu nehmen oder zur Konkurrenz zu wechseln, bitten wir Sie, diese Box zurückzuschicken. Wir testen sie dann um herauszufinden, ob sie noch funktionstüchtig und unbeschädigt ist. Falls nötig ersetzen wir das Gehäuse und verwenden das Gerät für einen anderen Kunden weiter. Wir verlängern somit den Lebenszyklus des Produkts. Technologien entwickeln sich weiter. Bis jetzt beträgt der typische Lebenszyklus einer Box sieben Jahre. Das ist wirklich lang für diese Art von Technologie. Und wir lassen sie recyceln. Das bedeutet, dass die Materialien wiederverwendet werden können. Die elektronischen Bauteile enthalten wertvolle Mineralien. Das ist nicht nur aus Umweltschutzgründen wichtig, sondern auch, weil es in Europa nicht viele Quellen für diese Art von Materialien gibt. Wir müssen sie aus Russland und Afrika importieren. Indem wir diese Materialien in Europa wiederverwenden, machen wir uns weniger abhängig von anderen Ländern auf der Welt. Und als Nebeneffekt vermeiden wir auch die negativen Auswirkungen auf die Umwelt in den Ländern, in denen der Abbau stattfindet. Aus verschiedenen Blickwinkeln ist es also wirklich wichtig, dass wir Materialien in unseren Produkten wiederverwenden.