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«Livestreaming ist das Schlimmste fürs Netz»

Grossveranstaltungen wie die Street Parade sind eine starke Belastung für die lokalen Mobilfunknetze. Der Netzwerkspezialist Patrick Fux erklärt, warum es auch in der Stadt Zürich keine einfache Sache ist, immer ein Top-Netz bereitzustellen, und wieso ein Pfadilager jeglichen Rahmen sprengen kann.

January 1, 1970 . Lesedauer: 4 Min.

«Die Schweiz ist das ‘Capital of Entertainment’ für Outdoor-Anlässe», sagt Patrick Fux, Senior RNO Engineer bei Sunrise, lachend. Insgesamt sind es tausende von Anlässen, von denen etwa 150 für Mobilfunkanbieter von Bedeutung sind und Sunrise sich entsprechend vorbereiten muss. Doch was heisst «sich vorbereiten» eigentlich genau?

Wir als moderne Menschen sind uns gewohnt zu jeder Zeit an jedem Ort Empfang auf unseren mobilen Geräten zu haben – ob am Zürcher Hauptbahnhof oder in einem abgelegenen Walliser Tal, unser Handy funktioniert. Dies ist dem Umstand zu verdanken, dass Telekommunikationsfirmen abschätzen, in welchem Gebiet sich zu welcher Zeit wie viele Menschen aufhalten und ihre Anlagen dementsprechend platzieren. Meistens ist die Schätzung ziemlich akkurat und das lokale Netz funktioniert einwandfrei. Doch wenn sich plötzlich eine Million Menschen um das Zürcher Seebecken versammeln, reicht die normale Kapazität natürlich nicht aus.

Die Expertinnen und Experten von Sunrise rüsten also im Vorfeld der Street Parade mächtig mit temporären Antennen auf. Diese werden rund um das Seebecken platziert, da hier die meisten Menschen erwartet werden.

Sunrise im Einsatz: Die zusätzlichen Antennen für die Street Parade werden nachts um 4 Uhr aufgebaut, um den Morgenverkehr nicht zu stören.

Ausserdem muss damit gerechnet werden, dass viele Besucher sich während einer langen Zeit auf derselben Fläche aufhalten, was nicht an jedem Anlass der Fall ist: «Bei einem Festival erreicht man den kritischen Punkt während der Headliner spielt oder am Züri Fäscht während des Feuerwerks», erklärt Patrick Fux.

Der Datentraffic verdoppelt sich jedes Jahr

Um auch an der Street Parade ein gutes Netz bieten zu können, müssen neben den zahlreichen festen Mobilfunkanlagen vier zusätzliche aufgestellt werden. Am Züri Fäscht sind es sogar sieben.

Kann so nun also garantiert werden, dass während der ganzen Street Parade, schnelles Internet, klare Telefongespräche und dynamische Chats stattfinden?

«Jein», meint Patrick Fux. «Der Datentraffic verdoppelt sich jedes Jahr und macht es immer schwieriger, einen einwandfreien Service zu gewährleisten – das Schlimmste fürs Netz ist Livestreaming!» Um nämlich der Mama zu Hause schnell zu zeigen, dass man an der Street Parade ist, wird ein Datenstrom genutzt, der, solange die Verbindung steht, Ressourcen im Netz belegt. Wenn jemand ein Bild, ein Video oder eine Nachricht schickt, sind diese Ressourcen nur kurz besetzt und gleich wieder für andere verfügbar.

Das diesjährige St. Galler Openair lässt aber hoffen. Trotz hoher Netzauslastung verzeichnete das 4G- und 5G-Netz von Sunrise super Werte. «Wir hatten einen unglaublich guten Datenspeed, ich hatte während dem ganzen Anlass nicht das kleinste Problem», freut sich der Senior RNO Engineer. Eine absolute Erfolgsrate kann man aber nie erreichen. Auch am Zürcher HB funktioniert das Mobilfunknetz zwischen fünf und sieben Uhr abends nicht zu 100 Prozent und fast niemand bemerkt diese kleine Überlastung.

Anlässe, die zum ersten Mal stattfinden, sind sehr aufwändig

Ein grösseres Problem stellen dagegen Grossanlässe dar, die in einem abgelegenen Gebiet stattfinden. In einem kleinen Schweizer Seiten-Tal können 10’000 Menschen sehr viel sein und die bestehenden Anlagen der Telekommunikationsfirmen völlig überfordern. Auch Anlässe, die zum erste Mal stattfinden, sind sehr aufwändig, weil die Expertinnen und Experten nicht auf Erfahrungswerte zurückgreifen können. Dieses Jahr fand zum Beispiel das Bundeslager der Pfadi in Obergoms im Wallis statt. «Da sind 30’000 Jugendliche während zwei Wochen am Zelten und unsere permanente Anlage ist recht bescheiden», lacht Patrick Fux. Die Vorbereitungen für so einen Event sind sehr intensiv, es braucht viele Meetings und Überlegungen im Voraus – und das Pfadilager ist in 14 Jahren natürlich wieder woanders! Ähnlich ist die Situation am Eidgenössischen Schwing- und Älplerfest, das alle drei Jahre an einem neuen Standort stattfindet – hier kann aber immerhin auf den Erfahrungen der vergangenen Feste aufgebaut werden.

Tipps für guten Empfang an Grossanlässen

Tipp 1: Wenn nichts mehr geht, solltest du die Menge kurz verlassen und eine Seiten-Gasse suchen. Dort funktioniert das Netz meist wieder ganz normal.

 

Tipp 2: Auch an einem Festival funktioniert Tipp 1. Wenn nicht gerade deine absolute Lieblingsband spielt, lohnt es sich, am Rand des Festivalgeländes nach gutem Empfang zu suchen.

 

Tipp 3: Sich in Geduld üben. Wie erklärt, funktioniert das Netz meist zu Spitzenzeiten nicht gut. Wenn der Headliner oder das Feuerwerk vorbei sind, ist auch die Verbindung wieder da.