Der Drehbuch-Doktor

Die jüngsten US-Serien sind nicht nur hervorragend erzählt, sie folgen auch einem neuen Businessmodell. Psychologe und Story-Profiler Patrick Tönz erklärt den Serien-Hype im Interview mit Matthias Mächler.

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Ist exklusiv auf Sunrise TV bereits 48 Stunden nach Erstausstrahlung verfügbar: Der US-Hit „House of Cards“, Staffel 4.

Wir leben im Zeitalter der Kurzmitteilungen und lieben gleichzeitig Serien von epischer Länge. Ist das kein Widerspruch?

Nein. Ich glaube, es war Sigmund Freud, der sagte: Wir lieben, was wir täglich sehen. Diese Liebe entwickeln wir jedoch nicht nur zu Menschen, mit denen wir real zu tun haben, sondern auch zu Fernsehmoderatoren oder Serienhelden. Über die Wochen kommen wir ihnen ausgesprochen nahe: Wir erhalten intime Einblicke in ihr Leben und fühlen intensiv mit ihnen mit.

Trotzdem: Die neue Art amerikanischer Serien ist auch bei einstigen Serienmuffeln hip. Warum?

Diese Bewegung wurde durch das US-Bezahlfernsehen ausgelöst. Um die Zuschauer vom Gratisfernsehen wegzulocken, musste es ihnen mehr bieten als den gewohnten Einheitsbrei. Man fasste Mut für kontroversere und anspruchsvollere Themen.

Story-Profiler Patrick Tönz aus Zürich untersucht Drehbücher auf ihre pychologische Glaubwürdigkeit und benutzt dazu Methoden aus dem Criminal Profiling. story-profiler.com (Bild: Maurice Haas)

Anspruchsvolle Themen im US-Fernsehen?

Allerdings. Die Produzenten wussten zwar, dass diese Serien nicht mehrheitsfähig sind. Doch Einschaltquoten waren für sie keine entscheidende Grösse mehr: Das Geld floss ja nicht dank Werbung, sondern dank Abonnements. Mit verschiedenen Serien konnten sie gezielt unterschiedliche Zuschauergruppen ansprechen. Diese Rechnung ist spektakulär gut aufgegangen.

Es ist auffällig, dass diese Serien oft um düstere und kriminelle Themen kreisen. Woran liegt unsere Lust am Bösen?

Ironischerweise daran, dass wir in unseren Breitengraden relativ sicher leben und selten extremer Gewalt ausgesetzt sind. Das Grundprinzip von Storys ist, dass Geschichten immer von Abweichungen unserer Alltagserfahrung erzählen.

Was kann eine Serie, was ein Spielfilm nicht kann?

Durch die Länge braucht es mehr Figuren und Nebenhandlungen, das macht sie komplexer. Dramaturgisch bewegen sich die beiden Formate aber eher auf einander zu. Eine Serie ist im Prinzip ein Spielfilm in extremer Überlänge.

Bei welcher Serie bleiben auch Sie hängen?

Ich schaue in viele Serien hinein, aber meistens nur, bis ich das Konzept dahinter erfasst habe. Am längsten durchgehalten habe ich bei «Breaking Bad» und «Homeland», nämlich jeweils drei Staffeln lang. Das ist mein Rekord.

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Ist exklusiv auf Sunrise TV bereits 48 Stunden nach Erstausstrahlung verfügbar: Der US-Hit „House of Cards“, Staffel 4.